Weltwärts
– zweiter Zwischenbericht
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Von: Theresa Scheible
Entsendeorganisation: Schule fürs Leben e.V. in Frankfurt
Einsatzort: Cali, Kolumbien
Einsatzstelle: Hogar de la Luz
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Die ersten 6 Monate
meines Freiwilligendienstes sind bereits ins Land gezogen. Tatsächlich ist
dieses Freiwilligenjahr das bisher intensivste Jahr meines Lebens und ich
glaube der Schatz an Erfahrungen und Erkenntnissen, den ich innerhalb dieser
kurzen Zeit gewonnen habe, ist unbezahlbar. Ich kann mich wirklich sehr
dankbar schätzen, auch wenn nicht alles in diesem Freiwilligenjahr
reibungslos funktioniert hat und erst recht nicht alles so war, wie ich mir das
in Deutschland vorgestellt hatte. Aber ich glaube genau aus diesen Momenten,
wenn der Plan nicht aufgeht, lernt man am meisten.
Das „Taller
Textil“
So hatte ich nicht
eine Sekunde ernsthaft damit gerechnet, dass ich meine Einsatzstelle werde
wechseln müssen und das Taller Textil vorübergehend schließt. Vom jetzigen
Standpunkt aus betrachtet sind die Erinnerungen an meinen Abschnitt
im Taller Textil schmerzhaft und werden überschattet von all den
Rückschlägen und Schwierigkeiten, die meine Arbeit dort begleitet haben. Es
braucht wohl noch etwas Zeit und Abstand bis ich all die schönen Erinnerungen,
die ich an meine Zeit im Taller habe, wieder als solche wahrnehmen
kann und nicht mit den Bildern vom Ende des Tallers überlagere. Stand
der Dinge ist momentan, dass das Taller erst wieder eröffnet werden
soll, wenn dafür ausreichend Geld vorhanden ist. So wird gewährleistet, dass
das Taller nicht nur vorübergehend existieren kann, sondern auch wirklich
Handlungsspielraum vorhanden ist. Als ich im Taller war, konnten ja
nicht mal Materialien gekauft werden.
Auch wenn die
vorübergehende Schließung des Tallers traurig ist, weil es wohl noch
ein bisschen dauern wird, bis das Taller wieder eröffnet werden kann,
so ist es doch meines Erachtens der einzig richtige Ansatz. Es wäre für die
Schüler nicht mehr zumutbar, wenn sich das Taller mehr schlecht als
recht von Monat zu Monat schleppt.
Meine neue
Einsatzstelle „Hogar de la Luz“
Für mich haben sich
mit dem Wechsel der Einsatzstelle viele neue und spannende Möglichkeiten
ergeben. Das „Hogar de la Luz“ war ursprünglich ein Heim für
Mädchen aus schwierigen Verhältnissen. Als die letzte Freiwillige dort war, hat
die Einsatzstelle dasselbe traurige Schicksal ereilt, wie einige
der Talleres-Lehrwerkstätten – sie musste vorübergehend schließen.
Seitdem hat sich hier vieles verändert. Die Betten der Mädchen sind
Nähmaschinen gewichen und bieten nun Raum für weitere berufliche
Weiterbildungsmöglichkeiten. Die Fundación hat einen Vertrag mit
der Sena abgeschlossen. Sena ist eine staatliche
Einrichtung und bietet kostenlose Ausbildungen an. Ausgebildet werden soll in
den Fachbereichen Nähen, Backen, Kochen und weitere. All diese Projekte sind
momentan in Arbeit, sprich noch nicht umgesetzt.
In meiner
Einsatzstelle arbeiten also Stella und Alexandra mit aller Kraft
daran, dass schon bald der Lehrbetrieb aufgenommen werden kann, während ich
Interessierten aus den umliegenden Barrios (Montebello, Campo Alegre)
Englischunterricht gebe. Die erste Woche hatte ich alle Schüler zusammen
unterrichtet, sprich von 3 bis 84 Jahren, und es war schlichtweg unmöglich
allen Bedürfnissen gerecht zu werden. Die ganz Kleinen mit ihren 3 Jahren
hatten schon bald keine Lust mehr ihre Arbeitsblätter auszumalen und begannen
durch den Raum zu flitzen, die etwas Größeren reckten mir alle ihr Hefte
entgegen, damit ich ihren Hefteintrag loben konnte und die Älteren wünschten
sich einen etwas anspruchsvolleren Unterricht, obgleich sie die einfachen
Vokabeln noch nicht kannten. Zu meiner Erleichterung wurde dann der Unterricht
in kleinere Gruppen eingeteilt, sodass ich jetzt insgesamt vier verschiedene
Englischkurse leite – eine Erwachsenen-Gruppe und drei Gruppen von Kleinen.
Sowohl bei den Erwachsenen als auch bei den Kleinen ist die Altersspanne zwar
nach wie vor relativ groß und reicht bei den Erwachsenen von 15 bis 83, bei den
Kleinen von 3 bis 13, aber mit der Zeit schafft man es einen Mittelweg zu
finden, um allen so gut es geht gerecht zu werden. Im Erwachsenenkurs bedeutet
das zum Beispiel, dass ich mit riesengroßen Buchstaben an die Tafel schreibe
und sehr laute rede, damit auch die älteren im Kurs eine Chance haben zu
verstehen. Im Kurs mit den Kleinen bedeutet das, dass ich immer Blätter zum
Ausmalen vorbereite, damit diejenigen, die noch nicht schreiben und lesen
können, auch etwas zu tun haben.
Spannend finde ich
zu beobachten, wie ich mit jeder Stunde dazulerne und Strategien entwickeln
kann um ein angenehmes Lernklima zu schaffen und konzentrierte und motivierte
Schüler mir gegenüber sitzend zu haben. Das ein oder andere Mal war
ich doch sehr überrascht, welche Schlüsse ich am Ende einer Stunde ziehen
konnte. Das Thema „Food“ war so eine Stunde. Mit viel Liebe ins Detail hatte
ich von Milch bis zur Gurke alles gemalt, was mir an Vokabeln wichtig erschien.
Ich wollte den Unterricht sehr interaktiv gestalten und hatte dazu eine
Einkaufsliste vorbereitet, Rezepte sowie eine Menükarte. Der erste Kurs war
begeistert bei der Sache, obgleich mir der Unterricht ziemlich entglitt. 15
Hände streckten mir Gemüse, Obst und Fleisch entgegen und bei all dem „Ich bin
jetzt aber dran“ ging der Lerngedanke etwas verloren. Der zweite und dritte
Kurs meinte dann schon nach zehn Minuten sie würden sich langweilen und ich
verbrachte die Stunde damit die Schüler wieder an den Verkaufstisch zu holen,
um Aufmerksamkeit zu bitten und sie zurechtzuweisen.


Im nächsten Kurs
zog ich klassischen Frontalunterricht durch, ließ die Schüler die Vokabeln zum
Thema „Food“ schreiben und dazu Bildchen malen. Ich hatte eigentlich erwartet,
dass mir die Schüler auf die Barrikaden gehen würden, aber siehe da - keine
Beschwerden, ein angenehmes Arbeitsklima. Am Ende der Stunde meinten dann sogar
einige ihnen hätte der Unterricht viel besser gefallen als beim letzten Mal.
Erfahrungen wie diese erscheinen mir sehr wertvoll, besonders da ich jetzt
in Erwägung ziehe „Kunst-Spanisch“ auf Lehramt zu studieren. Zu
merken wie man von Mal zu Mal mehr die Dynamik der Klasse beeinflussen und
lenken kann ist da doch sehr hilfreich. Was aber werden die Kolumbianer
von meinem Englisch Kursen
mitnehmen können? Beziehungsweise was motiviert sie dazu
Englisch zu lernen?
Bei den meisten ist
es wohl die Freude daran, sich mit den „Extranjeros“ oder „Gringos“ (Ausländern)
unterhalten zu können und dies dann auch auf Englisch zu tun.
Touristen sind hier nämlich nach wie vor etwas Besonderes und nicht
allzu oft Gesehenes. Englisch zu sprechen ist in Kolumbien schon fast so etwas
wie ein Statussymbol und zumeist sind es auch nur die Wohlhabenderen, die
dieser Sprache tatsächlich mächtig sind.
Der große Rest kennt wenn überhaupt vereinzelte Wörter wie „beautiful“,
die einem dann gerne auf der Straße hinterhergerufen werden. Englisch
dient zudem als eine Art Geheimsprache mit der sich Kolumbianer
gut über andere gerade anwesende Personen oder Themen, die man lieber
nicht im öffentlichen Raum bespricht, unterhalten können. Aber Sprachen
haben ein viel größeres Potenzial. Denn Sprache wird zum Schlüssel um neues und
unbekanntes zu lernen und lädt dazu ein, einen
Blick über den Tellerrand zu wagen.
Ich persönlich empfinde
Lateinamerika als einen sehr abgekapselten Raum. Diese Abkapslung hat ihre
positiven Seiten, sorgt sie doch für eine so lebendige und
pulsierende Kultur mit regionalen Spezialitäten, Tänzen und
Musik. Gerade da, wo der Zugang zu Bildung fehlt, fokussiert sich aber
auch das Interesse fast ausschließlich auf die eigenen vier Wände und
die Arbeit, alles was außerhalb des eigenen Erlebnisradius liegt
ist zumeist nicht so wichtig. Was spricht man eigentlich für eine
Sprache in Ecuador und was ist die Hauptstadt Kolumbiens? Immer
wieder überraschen solche Fragen, aber denkt man dann
weiter darüber nach, verwundert sie nicht weiter. Wo soll das Wissen
auch herkommen, wenn das Bildungssystem nach wie vor noch
so lückenhaft ist? Genau hier ist Sprache ein wundervolles Instrument
um Barrieren einzureisen und den Horizont zu
erweitern. Für mich ist der Englischunterricht also mehr wie schlicht
die Sprache Englisch. Ich sehe Englisch viel mehr als einen Weg, die
Menschen dafür zu begeistern, mehr von der Welt wissen zu wollen.
Nun gebe ich aber
nicht Montag bis Donnerstag durchgehend nur Englischunterricht. Zwischen den
Stunden bleibt immer ein wenig Zeit, um die nächsten Stunden vorzubereiten,
sich um die Dekoration der Fundación zu kümmern oder andere Aufträge
zu bearbeiten. Das kann das Malen eines Fluchtplanes sein, es kommt aber auch
vor, dass ich Papageien bastle oder Bilder male. Ich habe zum Beispiel begonnen
auf alte Holzbretter Portraits zum Thema „Kultur Kolumbiens“ zu malen. Auf dem
Foto sieht man eine alte Indianerfrau vom Stamm der Guambianos, die im
Nachbardepartamento Cauca wohnen. Ich genieße diese Freiräume sehr, in denen
ich meine Kreativität ausleben kann.


Diese Woche habe
ich zudem „Samaritanos de la Calle“ kennengelernt. Hier werde
ich jeden Freitag arbeiten. „Samaritanos“ ist eine Fundaciòn im
Zentrum Calis und arbeitet mit den Obdachlosen zusammen. Das Programm
leistet eine Art Grundversorgung, die Obdachlosen können sich hier
baden, erhalten einen Schlafplatz sowie Essen, können aber auch den
Arzt, Zahnarzt oder Friseur aufsuchen. Um den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt
vorzubereiten werden spezielle Programme angeboten und es gibt eine
Kinderbetreuung, die sich den Kleinen annimmt. In einem
anderen Gebäude werden vertriebene Familien für 3 Monate
aufgefangen. In welchem Bereich ich bei den Samaritanos arbeiten
will, weiß ich noch nicht, das wird sich in
der nächsten Woche klären, aber ich erhoffe mir von dieser
Arbeit nochmal ganz neue Impulse.
Freizeit technisch
bin ich in den letzten Monaten wesentlich ruhiger geworden und es fällt mir
gerade ziemlich schwer mich aufzuraffen. Am Anfang war ich ja ständig
unterwegs, habe viel mit kolumbianischen Freunden unternommen. Das hat deutlich
nachgelassen. Nachdem im Freiwilligenhaus mittlerweile nur noch 8 Mädchen
wohnen, ist die Wohnsituation richtig angenehm und wir verstehen uns sehr gut
innerhalb der Gruppe. Da werden dann DVD Abende gemacht, gemeinsam gebastelt
oder ein WG-Frühstück veranstaltet. Für das kommende halbe Jahr wünsche
ich mir, dass ich mich wieder etwas mehr in die kolumbianisch Gesellschaft
einbinde und weiterhin so zufrieden bin mit meiner Einsatzstelle. Und euch
wünsche ich ebenfalls ein wunderschönes kommendes halbes Jahr! Ich habe eben
mein Flugticket geschickt bekommen, am 9. September um 15. 05 habe ich dann
wieder deutschen Boden unter den Füssen!:)
Lasst euch
ganz feste drücken,
eure Theresa