Ich würde euch gerne meine Erlebnisse in Gourmethäppchen
vorsetzen, aber nun ja, in Wahrheit werde ich euch hier wieder eine bunte Zusammenfassung
liefern von dem was ich diesen Monat so alles erlebt habe. Ich hoffe ihr
verzeiht mir die deutsche Wirtshaus- Portion, und allen lesemüden bleiben zumindest
die Bilder!
Meine Arbeit
Kaum zu glauben, dass ich bei meinem letzten Blogeintrag
noch keinen einzigen Arbeitstag hinter mir hatte. Mittlerweile habe ich schon
gar keinen Überblick mehr, wie oft ich nun schon mit dem Jeep den buckligen Weg
hoch nach Montebello zu meiner Einsatzstelle gefahren bin. Hier fährt man
nämlich eher weniger mit dem Bus, sondern auf den Ladeflächen von Jeeps mit.
Auf den zwei Sitzbänken wird meist schon nahezu gestapelt, dann werden kleine
Hocker rausgeholt, auf die sich weitere Leute sitzen können, neben dem Fahrer
finden dann noch mal zwei Menschen Platz (Oft steht an den Beifahrersitzen: „Solo
Peluches“ - was übertragen so viel heißt wie „nur Schnitten“ - und schließlich hängen sich
noch Leute hinten und seitlich außerhalb vom Jeep an. Ich konnte bis jetzt noch
nicht beobachten, dass ein Jeepfahrer etwas vorsichtiger gefahren wäre weil
Leute außen dran hiengen und finde es immer wieder faszinierend, wie multitaskingfähig
die Fahrer sind. Während der Fahrt reichen nämlich alle Mitfahrer ihr Geld vor,
der Fahrer nimmt mitten im chaotischen Stadtverkehr das Geld entgegen und zählt
erst mal, was man ihm da so in die Hand gedrückt hat. Dann wird das Rückgeld
errechnet, einhändig raus sortiert und nach hinten gereicht. Da wo man gerne
raus will, heißt es dann „por aquí“, der Jeep hält an, und ich muss noch circa 5
Minuten durch Montebello zur Schule stapfen. Dort sitzen dann meistens Morgens
einige Tallereslehrer und Schüler auf einer Bank, und einer der Lehrer liest
uns Zitate aus seiner zerfledderten Bibel vor, und betet dann schließlich für
die Freiwilligen und gegen die Dämonen der Armut.
Dann gehen wir ins Klassenzimmer. Hier wird gerade viel
Schnitt gezeichnet, weil es an Stoffen fehlt. Das Schnittzeichnen hat mich
anfangs sehr verunsichert, denn dieses Thema wurde in meiner Ausbildung nur sehr
oberflächlich behandelt. Ich hab also erst mal Maschinen geputzt um mich etwas
nützlich zu machen. Aber so langsam
entdecke ich die Möglichkeiten, die sich mir bieten, und entdecke auch, wo ich
helfen und unterstützen kann. Zum Beispiel gebe ich jetzt zusätzlich
Englischunterricht, vielleicht folgt auch Deutsch. Auch was das Nähen angeht,
kann ich noch viel von meinem Wissen einbringen und ich werde auch mal ab und
zu im Büro sitzen und versuchen Sachspenden für die Lehrwerkstatt aufzutreiben.
Außerdem gibt es noch Unterrichtsstunden, die momentan noch nicht wirklich
genutzt wurden. Ich habe mir überlegt, mit den Schülern zusammen Traumfängerketten
zu basteln, und die dann gegen Spende zu verkaufen. Dieses Projekt hat mir und
den Schülern sehr viel Freude bereitet, und sogar die Guadua-Jungs kamen um zu
lernen wie man die Ketten macht. Mal sehen in welchem Rahmen sich die Produkte
vertreiben lassen.
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Jhonni konzentriert beim Nähen |
Ein von den Talleres-Schülern selbst genähtes Kleid
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Haushexe und andere Dinge, die das WG-Leben so mit sich
bringt
Ich weiß noch sehr genau, wie ich mir schon im
Vorbereitungsseminar ausgemalt hatte, wie schwierig es wohl werden würde jetzt
das erste Mal allein zu wohnen und dann noch mit 30 Leuten. Nun, das ist es
tatsächlich, aber anders wie ich es ursprünglich erwartet hatte. Ich hatte Angst vor der
beengten Wohnsituation und fehlenden Rückzugsmöglichkeiten, aber tatsächlich
ist das nicht so wild. Wild sind die Berge an Geschirr, die sich Tag für Tag
aufs neue auftürmen und die keinem so recht gehören wollen und die ganze
sonstige Unordnung, die sich eben so furchtbar schön schnell ergibt, wenn jeder
ein kleines Bisschen liegen lässt. Noch in Deutschland hab ich mich schon
gesehen, wie ich allen mit meiner Unordnung auf die Nerven gehen würde. Jeder
der mein Zimmer kennt, hätte wohl genauso gedacht. Tatsächlich bin ich momentan
die „Haushexe“, die verzweifelt versucht gegen das Chaos anzukommen. Ich
versuche Geschirrbesitzer ausfindig zu machen oder auch liegengebliebene Sachen
wieder an den Mann zu bringen. Eine ziemlich nervenraubender Job, den einem
nicht jeder dankt. Anfangs hat der Job auch ziemlich auf die Laune geschlagen,
aber mittlerweile kann ich den Anblick von sich türmendem Geschirr besser
ertragen. Mal sehen ob sich vielleicht irgendwann auch Erfolge einstellen
werden, ich würde es mir sehr wünschen! Hätte mir jedenfalls jemand vor meiner
Ausreise gesagt, dass ich die Sauberkeitsbeauftragte des Hauses werde, hätte
ich ihn ausgelacht, genauso wie ich mich bei Führungsqualitäten im
Vorbereitunsseminar ganz links (also bei fast nicht) eingeordnet hatte, weil
mir so Verantwortungsrollen nicht gefallen.
Salsa und Ausflüge
Ich genieße es gerade richtig in der Großstadt leben zu
dürfen. Das ist deswegen ein Privileg, weil hier immer was geboten ist. Ob das
nun eine Wanderung ist, eine kulturelle Tanzveranstaltung oder das
Nachtleben Calis ist, es ist vielfältig und macht wahnsinnig Spaß. So lerne ich auch Salsa, Merengue, Bachata und Salsa Choke und stell
mich dabei zwar immer noch nicht an wie ein Naturtalent, aber langsam stellen
sich erste kleine Erfolge ein. Das Schöne ist, dass die Standardtänze, die bei
uns vielleicht bei Hochzeiten eine Rolle spielen, hier auch im Alltag beziehungsweise
im Club ihren Platz finden. Hier findet man fast Keinen, der nicht tanzen
könnte, zumal Cali sich als Salsa Capital sieht und die Caleños natürlich die
besten Salsa Tänzer der Welt sind!
Ein Kolibribaby, das ich neben dem Klassenzimmer gefunden habe |
Ein Foto mit den Gringos bitte! Etwas befremdlich, aber hier wird man tatsächlich gefragt ob es möglich ist ein Foto mit dir zu schießen. |
Ivan, Bianca und ich auf dem Weg zu den "Tres Cruces" |
So steil und anstrengend hatte ich mir den Aufstieg um ehrlich zu sein nicht vorgestellt! |
Am "Dia de las Razas" wurden Tanz und Musikstile aus den verschiedenen Regionen Kolumbiens vorgestellt |
Bei all diesen wundervollen Erfahrungen, die ich hier sammeln darf, kommt mir ab und an ein Schnittlauchbrot in den Sinn, ein Kaminfeuer, und die tollen Menschen, die am anderen Ende der Welt warten, bis ich wieder heimkomme.